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„Wir reisen gemeinsam“

Feierlicher Gottesdienst zur Verabschiedung von Pfarrer Thomas Jeutner. Sonntag, 4. Oktober 2026, um 14 Uhr, vor der Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße 4, 10115 Berlin.

Ein Gespräch mit Pfarrer Thomas Jeutner über Abschied, Versöhnung und neue Wege am Gesundbrunnen.

Wie beschreibst Du Deine Amtszeit im Wedding?

Wie eine Wanderung. Ausgangspunkt war für mich die vielfältige Arbeit an der Kapelle der Versöhnung. Mit ihren spirituellen Angeboten und der täglichen stillen Einkehr wirkt sie für viele wie eine Schutzhütte. Mir ist wichtig, dass wir als Gemeinde für die Menschen da sind, die diesen besonderen Ort aufsuchen – nicht, um sie an uns zu binden, sondern damit sie gestärkt weitergehen können.

Meine Dienstzeit begann ebenfalls an der Kapelle. Von dort aus habe ich die benachbarten Kieze beiderseits der ehemaligen Grenze erkundet, in Gremien und Arbeitsgruppen mitgewirkt und viele Menschen getroffen, die in Stadtgesellschaft und Kirche etwas bewegen wollen. Diese Begegnungen haben mich bereichert. Nun wandere ich gestärkt weiter.

Mit welchen Erwartungen hast Du damals begonnen und was hat Dich überrascht?

Als in Ostdeutschland aufgewachsener Mensch hat mich die Todesgrenze geprägt. In meiner Kindheit war die Grenze zur Bundesrepublik nur wenige Kilometer entfernt; später lebte ich in Babelsberg an der Mauer, und in der Oderberger Straße mit Blick hinüber in den Wedding. Auch meine Arbeit als DDR-Eisenbahner begann 1977 im zugemauerten Nordbahnhof. Ich war gespannt, wie ich mit dieser Mauer-Prägung Pfarrer an einem Erinnerungsort sein würde.

Überrascht hat mich, dass es während der Mauerzeit keine offizielle Partnerschaft mit einer Ost-Berliner Gemeinde gab, obwohl das „Drüben“ direkt gegenüber lag. Zugleich merkte ich: Die Menschen hatten jetzt andere, ganz konkrete Alltagssorgen. So hatte mein Dienst von Anfang an zwei Seiten: Erinnerungsort und Seelsorge im Kiez.

Was wird Dir in besonderer Erinnerung bleiben?

In besonderer Erinnerung bleibt mir, dass ich zu Beginn verstehen wollte, warum 1985 die alte Versöhnungskirche gesprengt wurde. Ich sprach mit vielen, die damals in Ost und West an dem Geschehen beteiligt waren. Die nüchterne Erkenntnis: Die Preisgabe des Gotteshauses war kein bloßer Willkürakt der DDR-Regierung, sondern Ergebnis siebenjähriger Verhandlungen. Es war eine Anpassung der Kirche in West-Berlin und im Ost-Berliner Konsistorium an die Bedingungen des Kalten Krieges. Erst nach Zustimmung des Gemeindekirchenrates konnte die Kirche aufgegeben werden.

Gibt es ein Projekt, das Dir besonders am Herzen liegt?

Der Gemeinschaftsgarten NiemandsLand hinter der Kapelle. Rund 60 Gärtnernde aus 18 Ländern begegnen sich dort. Viele bringen eigene Erfahrungen mit Grenzen, Gewalt und politischen Systemen mit. Dass auf dem früheren Todesstreifen heute ein Garten blüht, duftet und Menschen einander ihre Geschichten erzählen, ist für mich ein Gleichnis lebendiger Versöhnung.

Auch die Kirchenasyle für Geflüchtete, die wir seit über zehn Jahren gewähren, sind mir wichtig. Ich bin dankbar für diese Solidarität in Gemeinde, Kirchenkreis und Landeskirche. Flucht und Gewalt an Grenzen sind für unsere Gemeinde am Mauer-Erinnerungsort keine rein historischen Fragen, sondern berühren uns bis heute.

Was wirst Du vermissen?

Dass ich mit den Menschen unserer Gemeinde, ihren Gästen und meinen Kolleginnen und Kollegen wie selbstverständlich durch den Alltag zu wandern kann. In Begegnungen und Projekten wurde mir viel Vertrauen geschenkt. Besonders fehlen wird mir das gemeinsam vorbereitete Feiern der Sonntage in der Kapelle – mit all seinen stillen, berührenden Überraschungen.

Was hat Dich Kraft gekostet?

Vor allem die Vereinigung unserer Gesundbrunnen-Gemeinden. Schon vor meiner Wahl 2013 hatte ich zwei Visionen: 1. den Garten hinter der Kapelle,  und 2. eine gemeinsame Zukunft der Gemeinden. Der Garten wuchs leicht; immer mehr machten mit. Die Vereinigung war ein langer Weg: Verwaltungen und unterschiedliche Kommunikationskulturen zusammenzuführen, fordert bis heute Kraft und Geduld. Umso mehr freue ich mich über den neu gewählten gemeinsamen GKR und das große Engagement der Kirchenältesten.

Wo hast Du Energie und Inspiration erhalten?

Vor allem im Zusammensein mit meiner Familie – mit meiner Frau, unseren vier Kindern, deren Familien und unseren drei Enkeln. Auf unserem kleinen Segelboot fand ich Abstand, Ruhe und Raum für neue Gedanken.

Inspiration gaben mir auch die ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeitenden, das Teilen von Höhen und Tiefen, das Musizieren mit „Wildkraut“, das Singen im Chorensemble und die Kooperationen im Kiez. Viel Rückenwind und Ermutigung gab es etwa für unseren Nachbarschaftsraum „Waschküche“.

Eine weitere Kraftquelle war die spirituelle Arbeit: biblische Texte gemeinsam zu befragen, stille Momente in der Kapelle zu erleben und dort eine Kerze anzuzünden. Dass sich an diesem verwundeten Grenzort wieder ein spiritueller Raum öffnet, bewegt mich immer wieder.

Was wünschst Du Deiner Gemeinde für die Zukunft?

Dass sie sich mit Neugier, Vertrauen und offenem Herzen auf Gottes Leitung und neue Wege einlässt. Die drei Kirchorte am Gesundbrunnen haben jeweils ihre eigene Strahlkraft; sie soll bewahrt bleiben, auch wenn Vertrautes aufgegeben werden musste. Wichtig ist mir, im Herzen Pilgernde zu bleiben – „migrantes“. Oder mit Rose Ausländer: „Vergesst nicht, Freunde, wir reisen gemeinsam!“

Was sind Deine Pläne für die nächsten Monate? Worauf freust Du Dich am meisten?

Ich freue mich auf mehr Zeit mit meiner Familie. Ein Teil lebt in Schweden, auch meine 88-jährige Mutter, die ich öfter besuchen möchte. Außerdem werde ich weiterhin Kurse in der Seelsorge-Ausbildung mitleiten, als Supervisor tätig sein, Bücher lesen und mich mit den Weggefährten von „Asyl in der Kirche“ engagieren.

Die Fragen stellten Esther Schabow (Referentin Kultur & Öffentlichkeit, Kapelle der Versöhnung) und Heike Mohaupt-Wonnemann (Koordinatorin des Nachbarschaftsraums Waschküche).

Foto: Portrait Thomas Jeutner. Thomas Hirsch-Hüffell